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tumult

Es klin­gelt

Er liegt auf dem Boden, wie ein rohes Kote­lett auf der kalten Küchen­ab­lage. Sein Blick, wie auch sein Gehör verlau­fen als sensi­tive Flüs­sig­keit ins Leere.

 - Das Tele­fon klin­gelt.

Um die Sinnes­flu­ten im Zaum zu halten haben die Bewoh­ner seiner Stadt einen Deich gebaut. Er fügt sich sehr schlecht in die ansons­ten natür­li­che Umge­bung ein. Außer­dem, weiß eigent­lich keiner mehr so rich­tig, wann und wie er gebaut wurde. Gefühlt war er schon immer da, doch sagen die älte­ren Bewoh­ner etwas ande­res. Die Bewoh­ner tref­fen sich regel­mä­ßig in einem Lokal, wo sie mal in klei­nen Grup­pen, mal alleine sitzen und murmeln, während sie auf ihren Kakao warten. Wenn dieser nicht kommt werden sie aus Empö­rung immer lauter bis

 

-Es klin­gelt. 

 

Ein Wach­mann bekommt sein süßes Heiß­ge­tränk und ist zufrie­den. Die Mine der ande­ren wird hinge­gen noch fins­te­rer, weshalb sich aus dem Gemur­mel eine hitzige Debatte in popu­lis­ti­scher Manier gebil­det hat.  „Der bekommt was er will und wir müssen warten.“, schreit ein Verwal­ter. „Wie soll ich denn ohne Moti­va­tion weiter­ar­bei­ten?“, schreit eine Redak­teu­rin. Ein auf dem Boden sitzen­der Blin­der stöhnt vom Durst, doch niemand hört

 

– Es

 

Der Wach­mann hat derweil ausge­trun­ken und Start nun trau­rig in seinen Becher. „Er ist zu klein. Ich brau­che noch einen!“, ruft er. „Dann gib uns wenigs­tens etwas ab!“, fährt ihn ein Mann im dicken Woll­pull­over an. Erst jetzt fällt dem Wach­mann der schlechte Zustand der ande­ren Bewoh­ner auf. Ihre Anzüge sind löch­rig und sie frie­ren selbst in dem warmen Lokal. Die Finger der Redak­teu­rin färben sich bereits bläu­lich schwarz, den Verwal­ter plagt ein rauer Husten und selbst der Mann im Woll­pull­over zittert wie ein Haar im Wind. Kein Wunder bei ihrer langen Untä­tig­keit, denkt sich der Wach­mann.  Sein Blick fällt auf den am Boden liegen­den blin­den

 

Er steht auf, drück ein paar Tasten und wartet auf das Signal der Hörer. Das Tele­fon ist derweil verstummt und die Isola­tion des Protago­nis­ten nicht gebro­chen. In rhyth­mi­schen klän­gen schallt es aus einem ande­rem Laut­spre­cher – konkre­ter und komple­xer als das klin­geln.

 

Der Deich bricht und die Socken der Bewoh­ner saugen das Wasser auf. Der Wirt nimmt einen großen Kanis­ter und füllt ihn mit der lauwar­men Lake. „Heute gibt es nur noch Wasser.“, verkün­det er den lehren Mienen der Bewoh­ner.

von: Til

Veröf­fent­licht am 15.März 2021

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